Meerschweinchen genießen leider nach wie vor den Ruf, besonders lieb, verschmust, unkompliziert und kostengünstig in der Haltung zu sein. Kurz, das ideale Kuschel- und Schmusetier, das nicht beißt oder kratzt und sich besonders für Kinder ab 3 Jahre eignet. Das ist falsch! Meerschweinchen lassen vieles über sich ergehen, das heißt aber noch lange nicht, dass sie diverse Zuwendungen auch mögen oder gar genießen.

 

Mit viel Zuwendung werden die Tiere mit der Zeit zutraulicher - die einen schneller, die anderen langsamer, manche werden sogar nie zutraulich und bleiben immer scheu. 

Meerschweinchen sind von Natur aus Fluchttiere und suchen ihr Heil stets im Davonrennen. Die Vertrauensbasis muss also zuerst aufgebaut werden. Für Kinder eine echte Geduldsprobe und teilweise sogar unverständlich, weshalb die Meerschweinchen erst einmal davonstürmen und nicht freiwillig zum Streicheln auf den Schoß kommen.

 

Eine erste Annährung könnte das "Meerschweinchen-Angelspiel“ sein. Die Kinder basteln aus einem Stock und einer Schnur eine Angel. An deren Ende wird etwas Leckeres befestigt. Das kann ein Stück Karotte, Gurke, Fenchel o. ä. sein, das dann von den Meerschweinchen weggeknabbert wird. Die Kinder haben Spaß, die Meerschweinchen Bewegung und lernen ihre Menschen aus der Entfernung kennen, da sie dazu ja nicht angefasst werden müssen. Auch prima für die ganz scheuen Vertreter ihrer Art. Besser ist in jedem Fall, sich mit ihnen aus der Distanz zu beschäftigen als gar nicht.

 

 Ein weiterer Schritt könnte sein, die vierbeinigen Mitbewohner futterzahm zu bekommen, d. h. die Meerschweinchen holen sich die Leckerlis aus der Hand ab. Hier sei allerdings ausdrücklich erwähnt, dass Leckerlis nicht zu verwechseln sind mit Knabberzeug, Snacks, Drops oder Bestandteilen aus Fertigfuttermischungen. Wir tun unseren 4-Beinern einen weitaus größeren Gefallen, wenn die Leckerlis Grünfutter sind.

 

Kinder werden auch gerne als Kletter- und Spielplatz benutzt. Dazu setzt man sich mit in den Freilauf, bietet ein Leckerli an und wartet, bis die Meerschweinchen den Mut gefasst haben, ihren Mensch zu erklimmen. Hier bitte stets darauf achten, dass die Höhenunterschiede nicht zu gravierend sind. Schon ein gewagter Sprung aus geringer Höhe kann Verletzungen nach sich ziehen. Ganz zutrauliche Tiere nutzen die Gelegenheit auch schon mal dazu, um auf ihrem 2-Beiner ein Schläfchen zu machen. Dann ist natürlich Ausdauer gefragt. 

 

Die großen Baumeister unter den Kindern werden viel Spaß daran haben, ein Gurken-Labyrinth zu bauen. Das kann aus Playmobil, Holz, Karton oder anderen Materialien hergestellt sein. Für den Anfang reicht z. B. auch erst mal eine Röhre. Meerschweinchen haben einen ausgeprägten Geruchsinn – sie erschnüffeln das Gurkenstück, das da am anderen Ende auf sie wartet. Um ihnen am Anfang die Suche zu erleichtern, kann eine Spur gelegt werden.

 

Die Sportlichen unter unseren 4-beinigen Hausgenossen schaffen tatsächlich den Balanceakt, sich auf die Hinterfüßchen zu stellen, um so an die Leckerbissen zu kommen, die höher hängen. Kinder können Leckerlis anbieten und dann langsam hochziehen. Evtl. richtet sich das Schweinchen dann auf und stellt sich für kurze Zeit auf die Hinterfüße. Für Kinder ist es ein echtes Erfolgserlebnis, denn sie haben dem Schweinchen ja ein Kunststück beigebracht. Aber bitte nicht enttäuscht sein: nicht alle Meerschweinchen schaffen es, Männchen zu machen. Den Unsportlicheren kann man noch die Hand zum Abstützen anbieten, manche bleiben aber trotz aller Hilfestellung lieber mit allen Vieren auf dem Boden.

  

"Such-das-Häppchen" ist auch eine spaßige Sache für alle Beteiligten. Die Kinder können eine Art Parcour aufbauen und dort verschiedene Futterstücke verstecken, z.B. ein Stückchen Paprika unter einem Heuhaufen, etwas Löwenzahn in einer größeren Rolle oder einem Tunnel oder ein Stück Gurke in einer Schuhschachtel mit zwei Öffnungen. Zusätzlich kann man die Meerschweinchen losschicken und dann die Zeit nehmen, welches Schweinchen als erstes alles aufgespürt und verputzt hat.

 

Vorlesen oder erzählen ist auch eine tolle Sache, um die neuen 4-beinigen Hausbewohner mit den Stimmen des "Pflegepersonals" vertraut zu machen. Dazu können sich die Kinder auch vor das Gehege setzen und die Tiere einfach nur „vollquatschen“, Reime aufsagen oder Kinderlieder singen. Mit der Zeit werden die Tiere auf bekannte Stimmen reagieren.

 

Da die Meerschweinchen ein anderes Zeitempfinden haben als wir, sollten wir sie nicht „stundenlang“ mit Beschäftigungstherapien quälen. Manchmal haben die Schweinchen schon nach ein paar Minuten genug und brauchen eine Pause. Auch steht ihnen nicht immer der Sinn nach Sport & Spiel – wenn sie gerade eine Ruhephase haben, sich putzen oder fressen, sollten wir sie nicht stören!

 

Wenn die Meerschweinchen signalisieren, dass sie genug haben, sollte man dies respektieren und sie zurück in das Gehege setzen. Ignorieren wir diese Signale, kann es durchaus vorkommen, dass die Meerschweinchen mit ihren Zähnen zwicken oder kneifen. Das wird zwar keine Spuren hinterlassen, soll aber heißen: „Mensch, laß mich jetzt endlich in Ruhe – ich will nicht mehr!“. Kommen wir dieser Aufforderung nicht nach, gibt es durchaus auch kleine Beißer, die dann massiv ihre Vorderzähne einsetzen, um das gewünschte Ziel zu erreichen. Das hinterlässt nicht selten schmerzhafte, blutende Wunden. Da Meerschweinchen gerne Futterreste zwischen den Zähnen haben, können sich diese Bisswunden auch entzünden.

 

Meist noch schlimmer ist allerdings, dass die Freundschaft zwischen Mensch/Kind und Tier durch solch eine Beißattacke empfindlich gestört wird oder sogar ein jähes Ende finden kann. Wir sollten uns stets vor Augen halten: Meerschweinchen beißen nicht weil sie bösartig sind, sondern immer in Angst- oder Paniksituationen – wenn sie sich nicht mehr anders zu helfen wissen.

 

 

 

 

Absolut ungeeignet als Freizeitbeschäftigung für Meerschweinchen sind:

 

  • Leinen oder Geschirre, die in vielen Geschäften angeboten werden. Für die Tiere ist es der pure Streß, bis diese Geschirre erst einmal angelegt sind. Nicht selten schafft es ein Meerschweinchen, ein Füßchen zwischen Geschirr und Hals zu stecken und sich unter panischem Gezappel fast zu erwürgen. Meerschweinchen sind keine Hunde, die an der Leine Gassi gehen wollen, zumal Kinder in brenzligen Situation auch gar nicht richtig reagieren können.
  • Puppenkleider und Puppenwagen – es mag zwar niedlich aussehen, aber für die Tiere ist es der blanke Horror.
  • Fahrradfahren vorne im Körbchen – auch da muss auf die Kinder einwirkt werden, den Schweinchen derartige Abenteuer nicht zuzumuten. Schnell ist ein Tier aus dem Körbchen gesprungen und aus dieser Höhe können Stürze fatale Folgen haben, evtl. auch tödlich enden.

 

Man sollte sich stets darüber im Klaren sein, dass diese oder ähnliche Aktionen für die Meerschweinchen nicht Spaß bedeuten, sondern enormen Stress. Und Stress macht auf Dauer krank. Mit Sicherheit wird es immer Tiere geben, die sich solche Behandlung gefallen lassen – die einen mit, die anderen ohne Gegenwehr. Diese Art von Zuwendung hat aber leider nichts mit Tierliebe zu tun, sondern ist Tierquälerei!

 

Aber nicht nur das Spielen und Spaß haben gehören zum Leben mit den putzigen Fellnassen, sondern auch das Füttern und Pflegen. Kleinere Kinder sind diesen Anforderungen nicht gewachsen. Es fehlen die körperlichen Kräfte, um das Gehege auszumisten und zu reinigen. Auch die nötige Weitsicht, die Meerschweinchen gesund und ausgewogen zu ernähren, Krankheiten zu erkennen und zu reagieren, fehlen kleineren Kindern. Selbst 8–12-Jährige sind, werden sie mit dieser Verantwortung alleine gelassen, hoffnungslos überfordert. Wenn Meerschweinchen als Haustiere angeschafft werden sollen, sollten Sie als Eltern sich im Klaren darüber sein, dass der Großteil der anfallenden Arbeiten an Ihnen hängen bleiben wird. Sie können zwar die Kinder von Anfang an miteinbeziehen und ihnen nach und nach einen Teil der Aufgaben übertragen, trotzdem wird die Verantwortung über das Wohlergehen der Meerschweinchen immer bei Ihnen liegen. Die Kinder brauchen Ihre Unterstützung, um sich zu verantwortungsbewussten Haustierhaltern entwickeln zu können. Sie müssen ihnen den ordentlichen Umgang mit Tieren vorleben, denn die Tiere sind von Ihrem Wohlwollen abhängig. Auch sollte die Anschaffung gut überlegt und vorbereitet sein. Verzückte Ausrufe der Kinder wie: „Sind die süüüüß, so eins will ich haben!“ oder wochenlanges Quengeln, nur weil gerade in der Schule das Thema Haustiere behandelt wird, sollten niemals der Grund für eine Anschaffung sein. Unter Umständen verlieren die Kinder schnell wieder das Interesse, wenn sie das Objekt ihrer Begierde erst einmal haben oder wenn die Schweinchen nicht so zutraulich sind, wie sie sich das vorgestellt hatten.